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Seit meiner Kindheit begleitet mich eine Geschichte, die ich nach dem ersten Hören auf dem Kirchentag in Hamburg 1981 nie mehr vergessen habe: Es ist die Geschichte von einem Mann, der eines Tages zum Vater im Himmel sagt:

„Vater, ich bin jetzt groß und

Stark genug, ich kann alles alleine. Ich brauch’ keinen mehr, der auf mich aufpasst. Ich fürchte mich vor nichts mehr. Gib mir mein Leben in die Hand. Ich kann selber darauf aufpassen.“ Der Vater im Himmel zögerte. Aber weil er so bedrängt wurde, da gab er nach. „Hier hast du es. Aber sei vorsichtig.“ Denn das Leben, das war so empfindlich wie eine große Seifenblase, und es war so kostbar, wie alles Gold auf der Welt. Und es war so lebendig, dass man es gar nicht so richtig festhalten konnte. Das zappelte nun in seiner Hand. Und als der Mann sah, dass es viel, viel lebendiger war, als er jemals gedacht hatte, und viel kostbarer, da wurde ihm schwindlig im Kopf und schwarz vor Augen, und er stürzte. Mir gefällt dieses Bild, dass das Leben so zappelig und kostbar ist, dass man es gar nicht alleine richtig festhalten kann. Zappelig und lebendig trifft als Beschreibung für das Leben sehr gut zu. Denn wenn man sich umschaut, dann sieht man, wie bunt und vielfältig Leben sein kann. Vieles gehört dazu. Da gibt es immer wieder ein Auf und Ab, da gibt es Höhepunkte und Tiefpunkte in einem Leben, in einem Jahr, oft sogar an einem Tag. Da gibt es vieles, über das ich mich freuen kann und genauso auch Dinge, die mich ärgern oder die mir Sorgen machen. Da gibt es Momente, die das Leben in Frage stellen und mir zeigen, wie kostbar es ist. Da gibt es Zeiten, in denen ich einfach nur glücklich bin, weil ich mich verliebt habe, weil etwas im Beruf gelungen ist, weil die Kinder oder Enkel Leben ins Haus bringen. Ruhe, Aktivität, Höhen und Tiefen: Erst all das zusammengenommen macht das Leben aus, lässt mich spüren, dass ich lebendig bin. Und da passiert manchmal in kurzer Zeit so viel, dass sich mein Leben ständig verändert, dass ich das Gefühl habe, es gar nicht richtig festhalten zu können, weil es so zappelig ist und sich nicht festlegen lässt, eben nicht immer in der gleichen und geraden Bahn verläuft.

Bild: Lisa Spreckelmeyer  / pixelio.de